22: Heute einmal eine Geschichte

Anstelle eines Bildes gibt es heute passend zur Serie eine Geschichte von mir.

Das ist Marley. Er lebt zusammen mit 15 Kühen, drei Katzen und einem anderen Bordercollie auf einem weitläufigen Bauernhof, auf dem sich die zwei Hunde frei austoben dürfen. Niemand führt sie aus und niemand nimmt ihre Häufchen zusammen, sie treiben sich einfach auf dem Hof oder den umliegenden Feldern herum, oder, in Marleys Fall, im Stall der Kühe. Manchmal auch hinter dem Stall auf der grossen Weide, wo die Kuhherde viel Auslauf und Platz hat um sich zu bewegen oder einfach zu liegen und wiederzukäuen.
Und dies ist nun die Geschichte von Marley und seiner Freundschaft mit dem Bauernmädchen Lydia, also macht es bequem, denn die beiden haben schon so einiges erlebt.

Marley geniesst die ersten Sonnenstrahlen am Morgen. Er mag es, wenn der Bauer ihm während der Arbeit im Stall mit den dicken Gartenhandschuhen harsch den Hals krault, und er empfindet den intensiven Duft von frisch geschnittenem Gras als einen der besten Gerüche überhaupt. Marley mag lange Spaziergänge auf den Feldern, aber die meiste Zeit verbringt er trotzdem im Schatten liegend. Vor allem am Nachmittag, wenn er sich jeweils um die selbe Zeit mit dem Bauernmädchen Lydia trifft und sie mit ihm spielt. Ihre Spiele enden meist damit, dass sie am Boden kugeln und Marley über Lydias Gesicht leckt. Das ekelt sie schon ein wenig, aber lachen muss sie jeweils trotzdem. Ihre Freundschaft war von Anfang an etwas Spezielles, ihre Eltern wussten davon nichts. Lydia war es auch, die für Marley bei seiner Geburt den Namen aussuchte. Es geschah in den letzten Wochen ihrer Sommerferien, bevor die erste Klasse begann. So viel Aufregung in so kurzer Zeit hatte sie noch nie in ihrem Leben.

Jetzt ist Marley schon einige Monate alt. Er ist schneller gewachsen, als Lydia gedacht hatte. Viele Stunden am Tag verbringt er im Stall bei den Kühen. Auch ein, zwei Kälber sind darunter. Sie kamen einige Wochen nach ihm zur Welt, sind aber schon grösser als er, was Marley nicht stört. Anscheinend fühlt er sich wohl in der grossen Scheune, vor allem an den heissen Augusttagen, wenn die Sonne hinunterbrennt und es in der Scheune angenehm kühl ist.

Jeden Tag, wenn Lydia von der Schule nach Hause kommt, geht sie als erstes in den Stall und begrüsst Marley. Sie setzt sich im Schneidersitz auf einen sauberen Strohballen in einer Ecke und ruft ihn zu sich. Er trottet jeweils mit seiner lustigen, schaukelnden Art aus einem Winkel hervor und gesellt sich zu ihr. „Hast du auch so einen tollen Tag gehabt? Ich habe heute mit Myriam gespielt, und den Buchstaben K gelernt!“ So oder ähnlich beginnen jeweils ihre Begegnungen, und Lydia erzählt Marley, was sie heute erlebt hat. Sie probiert dabei auch ja kein Detail auszulassen. Von den Haaren, die Mutter am Morgen ein wenig streng gekämmt hat, sodass es ihr wehtat aber es war ja lieb gemeint bis zu den Pausenbroten, die sie getauscht hat und besonders die von Moritz schmecken ihr gut, weil seine Mutter Erdbeerkonfitüre verwendet und Moritz schmecken dafür ihre besser und, und, und.
Dabei hat sie stets das Gefühl, dass Marley ihr aufmerksam zuhört. Die ganze Zeit liegt er ruhig neben ihr, wechselt nur ab und zu die Position, z.B. wenn er seine Hinterbeine von sich streckt. Am meisten freut sich Lydia, wenn Marley seinen Kopf auf ihre Hose legt. Wenn er sie dann noch mit hochgezogenen Brauen anschaut, findet sie ihn so süss, dass sie ihm gleich über den Rücken fahren und ihn mit beiden Händen kraulen muss. Am Hals hat er weiches Fell, und auch am Bauch. „Lydia! Essen!“ hört sie es aus dem Bauernhaus rufen. Manchmal vergisst sie völlig die Zeit und erst die Rufe der Mutter holen sie wieder in die Realität zurück.

Eines Tages, es war an einem warmen Donnerstag im späten September, kam für Lydia alles anders. Dabei fing der Tag so gut an. Sie bekam am Morgen ihre allererste Prüfung zurück. Ihr Herz schlug spürbar und ihre Füsse baumelten schnell, vorne an der Stuhlkante. Sie spielte an ihrem Etui herum und an den Stiften. Endlich landet ihr Papier auf dem Tisch. „Juhu!“ jubelt sie laut. Sie hat die bestmögliche Note erhalten. Ihre Freundinnen lösten ebenfalls alle Aufgaben richtig, der Nachmittag verging mit viel Gelächter und Geschwatz.

Als der Gong der letzten Stunde ertönt, räumt Lydia schnell ihre Sachen unter das Pult. Sie kann es kaum erwarten, Marley von der Prüfung zu erzählen.
Zuhause angekommen geht Lydia als erstes in den Stall. Sie schwingt ihren Rucksack von der Schulter und legt ihn neben sich. „Marley, komm her, ich habe super Neuigkeiten! Das wirst du nicht glauben!“ Sie streicht sich ihre langen Haare hinter die Ohren und spielt mit den dicken Strohhalmen vor ihr. „Marley, komm schon!“ Sie schaut sich im Stall um. Manchmal dauert es ein wenig, bis er sich zeigt, aber heute hat sie keine Geduld. „Marley!“ Sie kann ihn nicht sehen von wo sie sitzt, also steht sie auf und geht einige Schritte. Zuerst geht sie auf den Hof, dann wieder zurück in den Stall, wo sie zwischen den Kühen nach ihm schaut. Sie bückt sich und streckt sich, aber er ist einfach nirgends zu sehen. Anscheinend ist er nicht hier, denkt sich Lydia. Das wäre auch nicht das erste Mal. Einmal kam sie früher von der Schule, weil die letzte Doppelstunde ausfiel. Im Stall hatte sie bestimmt zehn Minuten auf Marley gewartet. Währenddessen suchte sie Strohhalme mit der passenden Grösse aus dem Haufen um damit ihren Namen auf den Boden zu legen. Das kleine A war am schwierigsten. Zuerst probierte sie es mit vier geraden und einem kleinen Halm rechts unten, aber der Buchstabe sah aus wie ein O. „Lydio“ sagte sie laut, und sie musste kichern. Sie vergrösserte also alle Buchstaben auf das doppelte, sodass sie mit kleinen Strohhalmen ein rundes A legen konnte. Sie blickte auf ihr Werk und lächelte. Damit konnte sie Marley bestimmt anlocken: „Schau mal, was ich gemacht habe!“ Doch Marley liess sich auch damals nicht blicken. Sie suchte ihn im ganzen Stall und schliesslich auf dem Hof, bis sie ihn auf der Weide unter einem Baum fand. Er stand sofort auf, als er sie bemerkte und trottete auf Lydia zu. „Ich habe auf dich gewartet, Marley! Aber ich verzeihe dir.“

Deshalb läuft Lydia nun direkt auf die Weide. Bestimmt sitzt er wieder da. Wenn er wüsste, was ich ihm zu erzählen habe! denkt sie sich und hüpft aus dem Stall auf die Weide hinaus. Die Sonne blendet sie erst ein wenig – jetzt sieht sie ein, zwei Kühe. Aber die Weide ist gross. Lydia hüpft los und ruft ihn dabei. „Maarleey! Na komm schon, spielst du Verstecken? Ich werde dich schon finden!“ säuselt sie und beginnt leise singend über die Weide zu hüpfen, unter jedem Baum nachschauend. Als sie beim Zaun angelangt ist, schwingt sie sich darunter durch. Plötzlich fühlt sich in ihrem Bauch etwas komisch an. Was, wenn Marley einen Ausflug gemacht hat und jetzt zurückfindet? Vielleicht hat er sich verirrt und sucht mich? „Ich möchte nicht mehr spielen, Marley. Komm raus!“

Sie läuft hinaus über die Wiese und ruft ihn immer wieder. Mittlerweile ist sie sich sicher, dass er sich verirrt hat. Sie läuft immer schneller, über Wiesen und Felder, überquert die schmalen Kiesstrassen und rennt die hohen Maisfelder entlang. Mittlerweile ist es schon dunkel. Lydia vergisst alles um sich herum. Auch ihre Prüfung ist ihr jetzt völlig egal. „Wenn ich nur Marley finde. Bestimmt läuft er schon den ganzen Abend durstig auf dem Land umher.“ Lydia wird langsam müde und sie spürt in den Beinen, dass sie viel gelaufen ist. Also entscheidet sie sich, ein wenig hinzusetzen und eine Pause zu machen.

Plötzlich hört sie weit hinter sich ein Auto heranfahren. „Lydia! Da bist du ja!“ Das war ihre Mutter! Ihr Vater sitzt am Steuer, während ihre Mutter aus dem offenen Fenster ruft. „Wir haben dich gesucht, Lydia!“ In der ganzen Hektik hat sie vergessen, dass sich ihre Eltern Sorgen machen könnten. Ausserdem hat sie das Abendessen verpasst, hoffentlich würde Mama nicht wütend auf sie sein.

Als sie bei ihr ankommen, steigt ihre Mutter aus und umarmt sie. „Kind, was machst du auch hier draussen? Wieso bist du nicht nach Hause gekommen?“ – „Ich war ja zuhause, aber Marley war nicht da. Ich glaube er hat sich verirrt… also ging ich ihn suchen.“

„Marley? Die Hunde sind doch beide Zuhause, Liebes! Komm, wir gehen, sie warten bestimmt schon auf dich.“
„Aber, Mama…, Marley!“ Lydia war den Tränen nahe.
Plötzlich macht ihre Mutter grosse Augen und schaut zuerst sie und danach ihren Vater an. „Ach, du meinst das Kalb! Keine Sorge, es hat sich nicht verirrt. Papa hat es doch heute Morgen weggebracht.“

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