♥ Rumänientrip Part 2: Hinreise oder ‘die Odyssee durch Europa’

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Chässpätzli mit Röstzwiebeln: Im Löwenbräu-Glas wird das Besteck serviert.

Als ich mich durch diese Pfanne mit Käsespätzli arbeitete, war die Welt noch in Ordnung.
Mir stand eine 24-stündige Reise bevor. Dass diese dann 28.5 Stunden dauert und mit Diskussionen, Tränen und viiel Gepäck gefüllt sein wird, konnte niemand ahnen. Am wenigsten ich, die kein Wort rumänisch sprach und unschuldig noch an meinen Röstzwiebeln knabberte.
Eigentlich hätte ich mir gerne einen Veggie Döner geholt, aber leider ist da sonntags geschlossen. Das Restaurant Bodhi stellte sich jedoch als super Alternative heraus. Eine perfekte Stärkung vor meiner Odyssee.

Los geht es schon am Busbahnhof in München. Der Bus der Organisation Eurolines (wie ironisch, Organisation. Organisiert war hier gar nichts) erscheint kurz vor Abfahrtszeit. Die Tafel mit der Reisedestination zeigt zwar etwas völlig anderes an,
doch auf dem Bus steht die Route geschrieben. Viele Leute mit teils zwei bis drei riesigen Koffern warten auf den Einstieg. Rumänisches Gerede, der Busfahrer meldet sich zu Wort. Hier muss ich mit meinem 10-Wörter Rumänisch aussetzen. Zum Glück übersetzt mir das eine junge Rumänin, die seit sieben Jahren in Deutschland lebt: “Das ist nicht unser Bus. Wir müssen auf den anderen warten. Es kommt noch ein zweiter.” Herumgewusele. Niemand weiss, wer in diesen und wer in den nächsten soll.
Verwirrung bricht aus. Gepäck wird eingeladen. Zwei Leute brachten je vier noch-grösser-als-Ikeataschen. Noch mehr Gepäck wird eingeladen. Viele Koffern stehen noch auf dem ‘Terminal’, während der Bus auf beiden Seiten vollgestopft ist. Sie beherrschten Tetris sehr gut, keine einzige Tasche hat mehr Platz. Eine andere junge Rumänen spricht Englisch mit mir. Sie wollte zuerst einsteigen, dann doch nicht. “I don’t know…what is going on.” Die Kommunikation von Eurolines ist schon einmal top. Gut, dass alle so geduldig sind. Ist ja auch kein Problem, mit solch leckeren Käsespätzli im Magen.

Nach langem Hin und Her und einer Stunde nach offizieller Abfahrtszeit sind dann alle in die zwei Busse verteilt. Wie es geschieht, darf ich den letzten freien Platz einnehmen – und der ist in der hintersten Reihe. Es sind fünf Sitze, der mittlere ist noch leer, also im Gang. Als Achterbahn-verabscheuende Person suche ich unauffällig und nervöswerdend nach einem Gurt. Dachte ich mir doch. Oje! Dabei herrscht in Deutschland ja Gurtenpflicht. Sei mal nicht so spiessig, ist ja nicht so, das Rumänen einen besonders aggressiven Fahrstil pflegen.

Neben mir entspannen sich breite, leicht schwitzende Männer, die zuvor Zigarette nach Zigarette rauchten. Sie wünschten wohl, der Bus wäre früher gefahren.  Als Nichtraucherin stelle ich mir das so vor, als sitze man vor einem angeschnittenen Block Halva. Aber mehr dazu später.WP_000403

Noch vor der österreichischen Grenze wird unser Bus von der Polizei angehalten. Ein grimmig-schauender Deutscher möchte von jedem Fahrgast den Ausweis sehen. Er vergleicht deren Gesicht zweimal mit dem Foto und legt ihn dann in die  linke Hand, wo er sie sammelt. Er steigt wieder aus und wir warten ungefähr eine Stunde, während er wahrscheinlich jede einzelne ID und jeden Pass überprüft.

Weiter geht es mit nun zwei Stunden Verspätung. Die Nacht verläuft ruhig. Ich konnte nach einem Raststättenaufenthalt zum Glück meinen Gang- mit dem Fensterplatz tauschen. Sehr lieb. So kann ich ein wenig schlafen, wenn auch nur knappe drei Stunden.

Wir machen etliche Pausen und bei allen heisst es ungefähr: 10 minute pauza pentru a merge la toaletă.  Die zehn Minuten fühlen sich mehr wie zwanzig an und jedesmal steigt mir zurück im Bus beissender Rauchgeschmack von allen Seiten in die Nase. Immerhin sind wir schon fast aus Ungarn heraus und ich sollte schon in 5 Stunden aussteigen können.

Vormittag. Zwei Mal haben wir schon in Rumänien gehalten, einige wenige sind ausgestiegen. Als wir schon längst an meinem Umsteigeort sein sollten, legen wir eine Mittagspause ein. Das gibt’s doch gar nicht! Noch 30 Kilometer seien es für mich, gab mir der Busfahrer bereitwillig Auskunft. Gut, das ging ja noch. “Wir müssen aber nochmal zurück.” Habe ich gerade richtig gehört?

Tatsächlich fuhren wir ca. 45 Minuten wieder dieselbe Strecke zurück. Der andere Bus hätte den Geist aufgegeben, und wir müssen sie jetzt aufgabeln.

Auf einer eher verlassenen Landstrasse fahren wir zweimal auf Parkplätze, wo wir drehen um dann weiter zurück zu fahren. Schliesslich finden wir sie. Die Fahrgäste sitzen vor dem Bus auf ihrem Gepäck und auf einem Mäuerchen vor einer zerfallen Hütte. Ich nutze die Gelegenheit und entlaste meine Blase im Ruinen/Müllhalde/Gebüsch hinter der Hütte.

Wie es danach aussah:
WP_000409Und das ist nicht beim Einsteigen, sondern während der Fahrt. Der Gang wurde von hinten mit Koffern aufgefüllt, darauf sitzen die zugestiegenen Gestrandeten.

Immerhin geht die Fahrt wieder vorwärts. Lange kann es ja nicht mehr dauern. Ob ich meinen Anschlussbus noch erwische? Der hätte vor drei Stunden fahren sollen.

Zur Busausstattung möchte ich auch noch ein paar Worte verlieren, wenn ich schon am Dampf ablassen bin. Auf dem obigen Bild erkennt man das vielleicht halbwegs. Nicht nur Gurte – auch Licht, Toilette und individuelle Lüftung fehlten. Die war zwar da, aber mit schwarzen Klebeband mehrfach überdeckt. Und ja, keine Toilette. Ich traute mich fast nicht, etwas zu trinken.

Laute rumänische Volks- sowie Partymusik ertönt nun aus den Lautsprechern. Mittlerweile möchte ich nur noch ankommen. Ich bin müde und verunsichert. Was, wenn ich keinen Anschluss mehr habe? Vom Umstiegsort Sebeș sind es doch noch einmal 4 Stunden nach Cluj und es ist schon 19.00 Uhr. Die Atmossphäre verschlechert sich, die Geduld der Rumänen wird herausgefordert, die Spannung im Bus ist förmlich zu spüren. Neben mir schreit eine Frau nach vorne: “dreht die Musik leiser!”

Müssten wir nicht gleich hier sein? Ich schalte mein Navi ein. Tatsächlich nähern wir uns. Doch wir befinden uns immer noch auf der Autobahn. Ich frage meine  neue rumänische Freundin, die einzige deutschsprechende Person. Sie sitzt neben mir und ist ebenfalls verärgert: “Ich könnte weinen”, waren ihre Worte kurz zuvor.

Auf Rumänisch leitet sie nach vorne, dass ich in Sebeș aussteigen müsse. In München sah ich auf der Liste, dass ich die einzige bin. Ob es beim Busfahrer ankommt, wissen wir nicht. Keine Antwort.

Wir schauen aus dem Fenster. Schliesslich sehen wir das Schild für die Ausfahrt an uns vorbeifahren. Really? Die Leute um uns sind neugierig geworden. Sie reden mit meiner Sitznachbarin und fragen, wo ich hin müsse, woher ich denn komme. Sie interessierten sich für meine Episode, sind empört und besorgt um mich.

Ich sehe keine andere Lösung und klettere aus meinem Sitz, über die Koffern, drücke mich an den Leuten vorbei und gelange schliesslich an die Front. Ich werde mehrmals angesprochen, aber jedesmal verstummen sie, wenn ich auf Deutsch antworte.  Eine Person spricht zum Glück Englisch und übersetzt dem Busfahrer mein Anliegen. Viel Gerede, besorgte Blicke liegen auf mir. Leute sprechen mich wiederholt Rumänisch an. Schliesslich bekomme ich die Antwort:

“Jemand wird dich in Sibiu (die nächste Haltestelle, eine Stunde entfernt) zurück nach Sebeș fahren, von da bringt dich jemand von Eurolines nach Cluj.”

Einerseits war ich erleichtert, sie hatten einen Plan und ich würde heute noch ankommen. Andererseits war ich aufgebracht, so geladen voller Wut – wie konnten sie nur vergessen, dass ich hier raus muss? Haben sie es vorhin nicht weitergeleitet bekommen? Wie können sie, ohne mich zu informieren, meinen Reiseplan ändern?

Es wurde relativ ruhig um mich herum, ich spürte die musternden Blicke von allen Seiten. Eine ältere Dame rechts von mir schaut mir mit einem besorgtem Lächeln an und spricht mir etwas zu. Ich blicke zu meiner Übersetzerin, welche meint: “She says you shouldn’t worry. Everything will be fine…” In diesem Augenblick und, gepaart mit meinem Schlafmangel, kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie sind alle so nett und hilfsbereit!  Auch wenn es bei einigen ‘nur’ Neugierde’ ist, viele der Fahrgäste machten sich Sorgen um die 20-Jährige, die kein Rumänisch spricht und eigentlich zu diesem Zeitpunkt an einem ganz anderen Ort sein sollte.

Später im Auto erzählt mir der Angestellte von Eurolines vom Telefonanruf, den er kurz zuvor bekam. “I have someone that needs to go to Cluj, please help me! I don’t know what to do!”, flehte ihn der Busfahrer an. Er hat also seinen freien Abend geopfert um 3.5 Stunden nach Cluj und 3.5 Stunden zurück nach Sibiu zu fahren. Der Arme. “Dafür werden sie aber sicher bezahlt?” Darauf meinte er mit einem kurzen, trockenen Lacher: “Nein…wahrscheinlich nicht.”

Ich klettere wieder über die Koffern auf meinen Platz zurück, wo mich fragende Gesichter erwarten. Sie können es nicht abwarten und mir ist die Stille unangenehm, weshalb ich alles schnell meiner Sitznachbarin schildere. Sie übersetzt und die Leute beginnen wieder zu reden. Wir waren uns einig, dass wir das letzte Mal mit Eurolines gefahren sind.

In Sibiu angekommen, steigen alle aus um frische Luft zu schnappen. Der Angestellte ist noch nicht da. Der Busfahrer sagt mir, dass ich warten soll. Nochmals sprechen Leute mit mir, sie wünschen mir eine gute Reise, Drum bun!, raten mir, vorsichtig zu sein und Acht auf mich zu geben. Viel Glück, noroc! bekomme ich ebenfalls von zweien gewünscht. Der ganze Bus scheint mich mittlerweile zu kennen, und als ich mit dem Angestellten losfahre (meine Sitznachbarin hat sich klugerweise das Autokennzeichen notiert – man weiss ja nie) winken mir einige zu und schauen uns nach. Ich bin gerührt und muss erst einmal aufkommende Tränen herunterschlucken, bevor ich meinem -wie sich herausstellt- netten Fahrer antworten kann.

In der Schweiz kümmert sich jeder nur um sich und sein Umfeld. In den öV wird kein Wort miteinander geredet, in der Angst, man könne sich blamieren. Auf der Strasse fragt man das Internet, wo man hinmuss. Die Rumänen sind auch nicht das Nonplusultra, aber deren Hilfsbereitschaft ist etwas vom schönsten, was in der deutschsprachigen Kultur verlorengangen ist.
Zum Glück haben wir aber auch Dinge beibelassen. Wie zum Beispiel Chässpätzli mit Röstzwiebeln.

Um Mitternacht komme ich wohlbehütet in Cluj an, wo mein Freund mich – eine Stunde im Regen wartend – empfängt. Ende gut, alles gut? Jedenfalls bis zur Rückreise in zwei Wochen.

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